WR (#4 Rashee Rice, #1 Xavier Worthy, #5 2 Tyquan Thornton, #11 Jalen Royals, #13 Cyrus Allen, #81 Niko Remigio) – TE (#87 Travis Kelce, #83 Noah Gray, #12 Jared Wiley, #88 Jake Briningstool)
2023 hatten die WR der Chiefs neben zu vielen Drops vor allem ein Problem: Sie konnten sich kaum freilaufen. Vor diesem Hintergrund verwunderte es nicht, dass die Chiefs in 2024 und 2025 vermehrt auf Speed gesetzt haben. Der Erfolg war überschaubar, was vermutlich aus einer Mischung aus unzureichender Pass Protection, Verletzungen und individuellen Defiziten beim Route Running lag.
2025 kamen die Chiefs-WR bei 341 Targets auf 199 Catches und 2.498 Yards. Wenn man bedenkt, dass ein Top-WR in der NFL alleine typischerweise 1.500-1.800 yards erzielt, wird schon deutlich, dass hier nicht alles rund gelaufen ist. Getrennt hat man sich von Marquise „Hollywood“ Brown (49 catches bei 74 targets für 587 yards) und JuJu Smith-Schuster (33 Catches bei 45 Targets für 345 yards).
Die zuverlässigste Anspielstation unter den WR ist eigentlich der 2023er Zweitrundenpick Rashee Rice (6-1, 203, SMU), der meist als Slot-Receiver eingesetzt wird. Schon als Rookie bekam er – angesichts des komplexen Offensivsystems der Chiefs sehr ungewöhnlich – von Anfang an Einsatzzeiten, konnte sich im Saisonverlauf sukzessive steigern und war ab der zweiten Saisonhälfte Starter. Insgesamt kam er auf 79 Catches für 938 yards (11,9 Yards/Catch) und 7 TDs. Dieses Zahlen produzierte er, obwohl er im Wesentlichen mit sehr kurzen Pässen (im Schnitt 3,8 yards downfield) bedient wurde. In den ersten drei Spielen der 2024er-Saison konnte er seine Durchschnittswerte noch etwas steigern, obwohl er primäre Anspielstation war (29 Targets, 24 catches für 288 yards). Aber dann kosteten ihn eine unglückliche Knie- und Hamstringverletzung den Rest der Saison. Vor der Saison 2025 schien er in sehr guter Verfassung zu sein, verpasste aber aufgrund einer Sperre die ersten sechs Spiele. Anschließend war er in 8 Spielen der relativ beste WR der Chiefs (53 catches bei 78 Targets für 571 yards), verlor jedoch etwas an Produktivität (10,8 yards/catch, 5 Drops). Am Saisonende fiel er wegen einer Gehirnerschütterung aus. Manche Kritiker sehen in ihm primär einen Profiteur des Spielsystems. Rice geht in sein Contract Year und strebt einen sehr gut dotierten Vertrag an. Das lässt hoffen, dass er – trotz diverser off-the-field-problems wohl dieses Mal ohne Sperre – wieder zuverlässig Raumgewinn produzieren wird.
Der 2024er Erstrundenpick Xavier Worthy (5-11, 165, Texas) hatte sich in seiner Rookie-Saison vielversprechend entwickelt, wenn auch nicht ganz so schnell wie Rice im Jahr zuvor. Aber auch bei ihm war die zweite Saisonhälfte signifikant stärker als die erste. Seine größte Stärke ist natürlich seine Explosivität und Geschwindigkeit – 4,21 s über 40 yards bei der combine waren atemberaubend. Seine „game speed“ ist nicht ganz so herausragend, aber sehr schnell ist er ohne Zweifel. Er ist allerdings für einen NFL-WR schmächtig. Man kann ihn im Grunde entweder als Gadget Player oder als „Burner“ einsetzen. 2024 musste er nach der Rice-Verletzung dessen Rolle im Slot übernehmen. 2025 war er nahezu über die gesamte Saison angeschlagen und kam mit 42 Catches bei 73 Targets für 532 yards auf überschaubare Werte. Nach einer Operation in der Offseason schien er nun endlich befreit aufspielen zu können, aber im Trainingscamp hatte er erneut Schulterprobleme. Immerhin scheint sein Einsatz zu Saisonbeginn nicht gefährdet zu sein.
Tyquan Thornton (6-2, 185, Baylor) war der 2022er Zweitrundenpick der Patriots, nachdem er bei der Combine in seinem Jahrgang die schnellste Zeit (4,28 s) über 40 yards gelaufen war. Das damit verbundene Potential konnte er bei den Patriots – auch verletzungsbedingt – nicht umsetzen. Bei den Chiefs hat er einige Schritte nach vorne gemacht und war 2025 der Gewinner der Vorbereitung. Gemessen daran waren 19 Catches bei 37 Targets für 438 yards eher überschaubar. Angesichts eines Schnitts von 23,1 yards/catch frage man sich gleichwohl, ob man ihn nicht öfter hätte einsetzen sollen. Allerdings benötigt man als QB auch Zeit, bis sich tiefe Routen entwickeln – Zeit, die Mahomes regelmäßig nicht hatte. Die Chiefs scheinen gleichwohl zufrieden mit ihm gewesen zu sein und haben mit ihm zu deutlich verbesserten Konditionen verlängert. Im Gegensatz zu Worthy ist er ein typischer Outside Receiver.
Der letztjährige Viertrundenpick Jalen Royals (6-0, 195, Utah State) gilt als ähnlicher Spielertyp wie Rashee Rice. Nachdem er am College nicht gegen die großen Unis gespielt hatte und sich zudem schon früh mit einer Entzündung im Knie herumschlagen musste, verlief seine Rookie-Saison relativ enttäuschend. Nachdem er die ersten Wochen der Saison verpasst hatte, war er lediglich in 7 Spielen aktiv und wurde hauptsächlich in den Special Teams eingesetzt. 2 Catches bei 3 Targets für 4 yards als WR waren unterirdisch. Allerdings war nun in der Saisonvorbereitung ein deutlicher Entwicklungssprung zu verzeichnen: Nachdem er 2025 noch Probleme hatte, das komplexe Offensivsystem zu verstehen, beherrscht er mittlerweile das Playbook so gut, dass er auf verschiedenen WR-Positionen eingesetzt werden kann. Er wird als Backup für Rice erwartet.
Der diesjährige Fünftrundenpick Cyrus Allen (5-11, 183 lbs, Cincinnati) war eine der positiven Überraschungen der Saisonvorbereitung und hat bislang alle Erwartungen übertroffen. Er wurde schnell zum Liebling der Coaches und Medien. Allen entwickelte schnell eine „Chemie“ mit Mahomes und überzeugte durch präzises route running, starke Hände und hervorragende Athletik. Etliche Experten erwarten ihn schon jetzt als besten Route Runner der Chiefs. Er kann vor allem enge Manndeckung schlagen, verzeichnet nur wenige Drops und fängt mutig Pässe über die Mitte. Dank guter Geschwindigkeit (4,47 Sekunden/40 yards) kann er auch aus dem Slot großen Raumgewinn erzielen. Allerdings ist er ebenfalls klein und leicht und hat dementsprechend Probleme bei Contested Catches und im Blocking. Er scheint als Backup für Thornton eingeplant zu sein.
Nikko Remigio (5-9, 187, Fresno State) kam 2023 als ungedrafteter Rookie zu den Chiefs. Schon in der Preseason 2023 entwickelte er sich zu einem Liebling der Fans, verpasste aber seine erste Saison verletzungsbedingt. 2024 hätte ihn Dave Toub wohl gerne als Kick-Returner gehabt, konnte sich aber nicht durchsetzen, so dass Remigio das Jahr überwiegend auf der Practice Squad verbrachte. Seit 2025 hat sich Toub aber offenbar durchgesetzt. Damit hat Remigio einen Aufsteiger der Offseason – Andrew Armstrong – ausgestochen, der – für viele überraschend – lediglich auf der Practice Squad gelandet ist. Mit substantiellen Einsätzen vom Remigio als WR ist nicht zu rechnen (2025: 1 Catch bei einem Target für 21 yards).
Auf TE hat sich wenig geändert. Die Chiefs verfügen zu meiner großen Überraschung immer noch über Travis Kelce (offiziell: 6-5, 250, Cincinnati [oder gemäß seiner Selbstvorstellung: „Cleveland Heights, Ohio“]), der seine Karriere nicht mit der losing season beenden wollte. Somit komme ich nicht umhin, erneut seine voraussichtliche Farewell-Tour anzukündigen. Der 36-jährige ist als Receiver eine Mischung aus WR und TE, kann sich von Verteidigern lösen und seinen Körper einsetzen, um den Ball abzuschirmen und auch bei Contested Catches die Oberhand behalten. Er war (ist?) damit ein Matchup-Problem für jeden Gegner, was nicht selten auch für die beliebten „yards after catch“ sorgte. Zudem ist er – was angesichts seiner Leistungen als Receiver oft untergeht, ein exzellenter Blocker. Der 2013er Drittrundenpick der Chiefs dürfte auf dem gerade Weg in die Hall of Fame sein. Wenn Mahomes improvisieren muss, vermag Kelce sich oft freizulaufen und stellt seine wichtigste Anspielstation dar. Gelegentliche Drops bei dem an sich fangsicheren Kelce lassen sich am ehesten mit Konzentrationsmängeln erklären.
Auch an ihm nagt der Zahn der Zeit, aber nur langsam. Wenn wir einmal die von kleineren Verletzungen geprägte Saison 2023 vernachlässigen, dann spielt er seit Jahren gut 900 Snaps (2025: 902) mit einem Snap-Anteil von rund 80 % (2025: 81 %). Bei etwa gleichbleibender Anzahl an Targets (2025: 123) hat zwar die Anzahl der Receptions (2025: 76; zuvor Werte in den 90ern) nachgelassen, aber die Receiving yards (851 gegenüber 823), die Yards pro Catch (11,2 gegenüber 8,5) und die Yards after Catch (443 gegenüber 429) haben sogar zuletzt wieder leicht zugenommen. Damit war er erneut und mit Abstand der leading receiver, was natürlich kein gutes Licht auf seine deutlich jüngeren Mitstreiter wirft. Er kann sich immer noch sehr gut in Zonendeckung freilaufen, wohingegen es gegen Manndeckung schwieriger wird. Dennoch ist Kelce immer noch ein ziemlich guter und ehrgeiziger TE, der – wie im Vorjahr – wieder in sehr gutem Fitnesszustand ins Trainingscamp gekommen ist. Der frischgebackene Ehemann wird – vor allem in „Notsituationen“ – wohl bis zu seinem Abschied die Lieblings-Anspielstation von Mahomes bleiben.
Sein vermeintlich designierter Nachfolger dürfte der 2021er Fünftrundenpick Noah Gray (6-3, 240, Duke) sein, mit dem die Chiefs zu Beginn der 2024er-Saison den Vertrag verlängert hatten. Er hatte dann auch prompt seine beste Saison mit 40 Catches bei 46 Targets für 437 yards (10,9 Yards/Catch) und 5 Tds. Leider hatte er 2025 ein schwaches Jahr mit lediglich 21 Catches bei 37 Targets für 178 yards (8,5 Yards/Catch) und ohne TD. Da er theoretisch ein Entlassungskandidat gewesen wäre (3 Mio. dead money bei knapp 4 Mio. Ersparnis), erwarten wohl auch die Chiefs wieder eine Steigerung. Das wäre auch für ihn wichtig, da er nach der Saison sogar mit 1,5 Mio. dead money bei 5,5 Mio. Ersparnis entlassen werden könnte.
Relativ enttäuschend verläuft dagegen bislang die Entwicklung des 2024er Viertrundenpicks Jared Wiley (6-6, 249, TCU). Nach einer sehr durchwachsenen Rookie-Saison (7 Spiele, 94 Snaps, 1 Catch, Kreuzbandriss) stellte 2025 sogar noch einen Rückschritt (5 Spiele, 28 Snaps, 1 Catch für 4 Yards, diverse kleinere Verletzungen) dar. Immerhin scheint er nun die Nachwirkungen des Kreuzbandrisses endgültig überwunden zu haben und wirkte im Camp und in der Preseason so beweglich wie noch nie. So hat er dank einer Leistungssteigerung seinen Roster Spot gesichert.
Als Hoffnungsträger und potentieller Rohdiamant gilt Jake Briningstool (6-6, 241 lbs, Clemson), der 2025 als ungedrafteter Rookie zu den Chiefs kam und im Trainingscamp für Furore sorgte, bevor er sich dort eine schwere Hamstring-Verletzung zuzog und die gesamter Rookie-Saison auf IR verbrachte. In der Offseason konnte er aber nahtlos an die guten Ansätze des Vorjahres anknüpfen. Er überzeugte mit gutem Route Running und verlässlichen Händen. In der Preseason kam er immerhin auf 5 Catches für 47 yards. Als aktueller TE #4 wird er aber hauptsächlich in den Special Teams zum Einsatz kommen.
Fazit:
Die Leistungen der WR waren in den letzten beiden Jahren insgesamt betrachtet enttäuschend, ohne dass man einzelnen Spielern persönlich einen großen Vorwurf machen könnte. Eine Kombination von Verletzungen und Underperformance bei ungünstigen Rahmenbedingungen (wenig Laufspiel, wenig Protection) hat sich einfach aufsummiert.
In ihrer aktuellen Zusammensetzung sehe ich die Positionsgruppe erst einmal etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Von den erwarteten Startern Rice (keine Sperre in Aussicht, Contract Year), Worthy (Verletzung überwunden, jung) und Thornton (positive Entwicklung seit 1,5-2 Jahren) sind moderate Leistungssteigerungen zu erwarten. Royals hat sich nach schwacher Rookie-Saison erkennbar gesteigert und der 2026er Rookie Allen macht einen sehr erfreulichen Eindruck, wobei man von einem Fünftrundenpick keine Wunderdinge erwarten kann, erst recht nicht im komplizierten System der Chiefs. Das sollte den Abgang von Brown und Smith-Schuster kompensieren, zumal die Chiefs den Letztgenannten jederzeit hätten zurückholen können (oder es auch weiterhin könnten, wenn es ihnen wichtig wäre).
Nun ist „Niveau des Vorjahres“ nichts Berauschendes. Die Chiefs haben – für viele überraschend – keinen Top-Draftpick in einen WR investiert. Bemühungen um einen bezahlbaren Veteranen (z. B. Stefon Diggs) waren erkennbar und lassen darauf schließen, dass die Chiefs selbst mit der aktuellen Situation nicht ganz zufrieden sind, haben aber nicht zum Erfolg geführt. Andererseits sind die Handlungsoptionen nun begrenzt.
Der Elefant im Raum ist der Ex-Star-WR der Chiefs, Tyreek Hill. Er hat nach seinem Trade zu den Dolphins dort in den letzten Jahren viel Geld verdient, hatte aber nur sehr eingeschränkten sportlichen Erfolg. Ende September 2025 erlitt er gegen die Jets bei einem Tackle an der Seitenlinie eine der schwersten denkbaren Knieverletzungen: Das linke Kniegelenk sprang komplett aus der Verankerung, die Kniescheibe sprang heraus, das Knie wurde vollständig ausgekugelt, das vordere Kreuzband wurde vollständig zerfetzt und auch das Außenband (LCL) schwer beschädigt. In einer Not-Operation wurden am Folgetag das Knie gerichtet sowie Kreuzband und akute Kapselschäden repariert. Dennoch bestand die Gefahr, dass Hill nie wieder würde normal gehen können. Nach zunächst positiver Entwicklung musste Hill im Februar erneut operiert werden (Rekonstruktion des Außenbandes). Nachdem Hill und sein Agent Drew Rosenhaus sich zunächst sehr optimistisch geäußert hatten, dass Hill im Sommer 2026 wieder einsatzbereit wäre, hat sich der Heilungsprozess doch erheblich verzögert – der Heilungsprozess für den Muskel- und Bandaufbau nimmt außergewöhnlich viel Zeit in Anspruch. Hill gab im Juli an, gefühlsmäßig noch keinerlei Kraft im linken Bein zu besitzen. Er läuft zwar inzwischen wieder Passrouten, aber die Ärzte haben ihm dringend empfohlen, mit seinem Comeback noch mindestens bis Oktober zu warten.
Trotz dieser schweren Verletzung reißen die Gerüchte über eine Rückkehr zu den Chiefs und eine Wiedervereinigung mit Patrick Mahomes nicht ab und werden von Hill in Andeutungen auch gelegentlich befeuert. Die Chiefs halten sich zwar bedeckt, aber richtige Dementi („nothing happening right now“) sehen anders aus. Sie sind auch derzeit das einzige Team, das konkret mit Hill in Verbindung gebracht wird. Ich halte es daher für einigermaßen wahrscheinlich, dass Hill mit einem teamfreundlichen (günstig, stark leistungsbezogen) Vertrag zu den Chiefs zurückkehren wird, sofern und sobald er die medizinische Freigabe erhält. Völlig unklar ist dabei, ob und ggf. wann er wieder an seine alten Sprintfähigkeiten anknüpfen könnte.
Die Alternative könnte ein Trade für einen bezahlbaren Spieler sein. Man darf mit Gewissheit annehmen, dass GM Brett Veach den Markt sondiert. Der Hauptkandidat wäre Jerry Jeudy von den Browns, der mit einem Grundgehalt von 1,5 Mio. noch unter die Salary Cap der Chiefs passen würde. Sein Marktwert wird auf einen bedingten Viert- oder Fünftrundenpick geschätzt. Diskutiert wurde auch ein Transfer von Xavier Legette (Panthers), dessen Grundgehalt mit rund 1,9 Mio. ebenfalls zu stemmen wäre, aber da glaube ich eher, dass die Panthers ihn behalten wollen.
Bei den TEs dürfte grundsätzlich ebenfalls mit dem Niveau des Vorjahres zu rechnen sein. Bei Kelce besteht das Risiko eines altersbedingten Rückgangs der Produktivität, wohingegen von den Backups eher etwas mehr zu erwarten wäre.